Fotostory, Rheinland-Pfalz

Alten-, Pflege- und Übergangsheim – Die Schernau

Wir fahren zur Schernau. Schernau. DIE Schernau. Als wir es gegenüber anderen erwähnt haben, wurden wir schon schräg angeguckt. Echt? Uns wurden Erfahrungen erzählt, von eiekannten, die da waren, von den Sprüchen, im Zusammenhang mit der Schernau: „Wenn gar nichts mehr geht, kommst Du zur Schernau.“ Oder auch Warnungen gegenüber Kindern: „Wenn Du nicht brav bist, landest Du in der Schernau!“ Auweia. Doch dann fahren wir durch wunderschöne Natur. Hügelig mit Baumgruppen, die malerisch in kleinen Tälern stehen. Alles ist frühlingsgrün. Von den Kuppen kann man ewig weit gucken. In den Mulden kleine Dörfer, die sich an die Hänge schmiegen mit hübschen roten Dächern. Alles sehr idyllisch hier. Und wie wir so über die Hügel rauf und runter fahren und uns kaum satt sehen können an den beeindruckenden Landschaftsbildern, kommen uns erste Rollatorfahrer entgegen. Und sogar jemand im Rollstuhl schiebt sich mit einem Fuß den Berg rauf. Ob das Bewohner von der Schernau sind? Wir sind neugierig. Wir sind auch schon ganz in der Nähe. Das Navi sagt, es ist nicht mehr weit. Und dann ein Schild: „Schernau 1 km“. Die Straße windet sich in hübschen Kurven. Rechts und links Felder und ein Sportplatz. Und dann sieht man eine Häusergruppe, wie ein altes Gut. Kleinere und größere Gebäude, die hübsch gruppiert sind. Ein  Schild weist uns auf eine Einrichtung hin und bittet darum, langsam zu fahren. Das würden wir eh schon machen, weil wir ja gucken wollen. Wir werden schon erwartet und erfahren einiges über die Geschichte des Hauses und seine Bewohner und Mitarbeiter. Von der ehemaligen Arbeiterkolonie in der Nähe von Rammstein, als es auch noch Landwirtschaft gab und die Menschen, die dort betreut wurden ‚Insassen‘ genannt wurden. Wir erfahren, welche Schicksale die ‚Bewohner‘, wie sie heute genannt werden, erlebt haben und werden leise. Puh! Das ist eine ganz schöne Verantwortung. Wir beziehen die Gästewohnung und werden auf dem Gelände eine Woche wohnen, um auch ein Gefühl für die Schernau zu bekommen und mittendrin zu sein. Wir möchten die Schernau erleben. Am nächsten Morgen machen wir mit dem Leiter und einem Mitglied vom Verwaltungsrat einen Rundgang über das Gelände. Die Schernau liegt in einer kleinen Mulde und ringsum ist alles grün. Auf einer Hügelkuppe liegt der Ort Martinshöhe und der Kirchturm ragt weit in den Himmel. Die Gebäude sind locker angeordnet. Dazwischen gibt es weite Plätze und verschiedene Wege, die die einzelnen Teile miteinander verbinden. Es ist ruhig und das Auge kann weit gucken. Ein Wohlgefühl breitet sich aus. Das hier ist ein sehr angenehmer Ort.

  Wir besichtigen das Verwaltungsgebäude, die Küche mit dem Speisesaal für die Bewohner, die noch mobil sind. Wir gehen durch die verschiedenen Pflegebereiche und treffen Bewohner und Mitarbeiter. Wir gucken in die Wäscherei, schlendern durch den Garten und besichtigen die Kapelle, in der übrigens zwei Religionen friedlich und prakmatisch zusammen leben. Je nach Gottesdienst, stehen mal die katholischen Gebetbücher vorne und mal die evangelischen. Dafür wird der Rollwagen schlicht und ergreifend umgedreht. Von dieser Koexistenz könnten sich manche eine Scheibe abschneiden.   Die Bewohner beäugen uns und beobachten, was wir tun. Alle grüßen freundlich. Manche trauen sich, kommen näher und fragen, wer wir sind. Viele nutzen einen Rollator oder Rollstühle, aber sie bewegen sich auf dem Gelände. Das Gelände ist übrigens komplett offen. Jeder kann jederzeit überall hin. Deswegen haben wir auch auf der Landstraße bei der Ankuft, Bewohner gesehen. Manche schubsen ihren Rollstuhl bis zur Martinshöhe rauf, weil es da einen Tante Emma Laden gibt, wo sie ihre wenigen Euros ausgeben können. Das meiste wird in Zigaretten investiert und manchmal auch in Alkohol. Die Menschen, die auf der Schernau leben, haben schon sehr viel hinter sich und werden von anderen Einrichtungen nicht aufgenommen. Meistens, weil sie zu jung sind. Auf der Schernau wird man ab einem Alter von 40 Jahren aufgenommen. Oder man passt aufgrund der Lebensgeschichte nicht in das Konzept, weil man zum Bespiel 15 Jahre Haft hinter sich hat und danach, den Anschluss an das „normale“ Leben nicht mehr geschafft hat. Die Räume, die wir sehen sind hell und in schönen Farben gehalten. Die Gänge sind breit und die Flure lichtdurchflutet. Wir staunen über ein Treppenhaus, was architektonisch sehr gelungen, Stufen mit Rampen verbindet. Überall kann man raus gucken und überall sieht man die sanften grünen Hügel. Mitten im Gelände stehen auch ein paar große Bäume. Die Blätter rascheln im Wind. In der ferne sieht man auch einige Windräder, die sich gemächlich drehen. Es riecht nicht, wie in anderen Altenheimen oder Pflegeeinrichtungen. Wenn sich die Nase kräuselt, dann wegen Zigarettenrauch. Die Sucht, die ihr Leben geprägt hat, werden viele Bewohner nicht mehr los. Und Alkohol- oder Drogenkonsum werden durch Kaffee und Zigaretten kompensiert.   Aber überall spürt man einen liebevollen Umgang. Nichts ist hektisch oder ungeduldig. Die Mitarbeiter sind auch untereinander freundschaftlich verbunden und es wird geneckt und gelacht. Man fühlt sich hier gleich wohl und aufgehoben. Auch wir. Obwohl wir doch nur Besucher sind. Man spürt diese besondere Atmosphäre.   Dann möchten wir eintauchen und werden aber von Mitarbeitern gebremst, die sich schützend vor ihre Schützlinge stellen. Die Männer – es gibt nur wenige Frauen auf der Schernau – konnten sich in ihrem Leben kaum auf etwas verlassen und sollen jetzt davor bewahrt werden. Bis heute tragen einige ihr Hab und Gut ständig mit sich herum. Viele schließen sich in ihr Zimmer ein und ihre wenigen Wertsachen bewahren sie in einem Safe im Schrank auf. Wir sind aber weiter neugierig und so lernen wir einige Männer nach und nach kennen. Viele öffnen sich sofort und erzählen für sie wichtige Ereignisse aus ihrem Leben. Wir staunen, welches Bild oder welcher Gegenstand für sie heute das Wichtigste in ihrem Leben ist. Und wir merken, es sind Leute wie Du und ich. Nur hat das Leben es mit ihnen nicht ganz so gut gemeint. Aber sie interessieren sich für Dinge, wie andere Menschen auch. Und manche haben einen Spleen, genau wie der ein oder andere da draußen auch.   Wenn sie ihr Liebstes in die Hand nehmen, leuchten ihre Augen. Der passionierte Angler hält plötzlich die Angel, wie eh und je und sämtliche körperliche Einschränkungen scheinen verschwunden. Der Schäferhundebesitzer zeigt ein Bild von einem Welpen und erzählt Anekdoten seiner Tiere. Wir reden über Tiere und Hunde und es könnte ein ganz normales Gespräch sein, wenn es zum Beispiel in einem Hotelrestaurant statt finden würde. Die Erinnerungen sind genau so stark und genau so klar.   Ein Bewohner hört gerne Metallica und möchte ein Konzert von Andreas Burani besuchen. Leider ist sein CD-Spieler kaputt gegangen und er kann die alten CDs nicht mehr abspielen. Für ein neues Gerät fehlt das Geld. Es gibt nur wenig Taschengeld auf der Schernau und es wird nur in kleinen Mengen ausgeteilt. So kann man sich kaum etwas zusammen sparen.   Einige Bewohner übernehmen kleinere Aufgaben, wie Zeitungen austeilen, Gärtnern oder den Speisewaagen in die drei Pflegebereiche fahren. Diese Aufgabe wird sehr ernst genommen und gewissenhaft ausgeführt. Ein kleines Stückchen Normalität in einem Leben, was völlig aus den Fugen geraten war. Etwas stetiges, regelmäßiges, wiederkehrendes. Samstags und Sonntags ist dann Wochenende. Nicht für alle. Das Essen muss natürlich auch am Wochenende in die Häuser gefahren werden.   Es gibt zwei Gerichte zur Auswahl. Die Mitarbeiter kennen schon die Vorlieben ihrer Bewohner. Einige bekommen das Fleisch klein geschnitten. Es wird Dialekt gesprochen. Der Umgang ist freundschaftlich herzlich. Es wird gescherzt. Auch die Mitarbeiter untereinander verstehen sich gut und scherzen. Absprachen untereinander funktionieren und man unterstützt sich gegenseitig. Aufgaben oder Schichten werden getauscht. Überall spürt man die Verbundenheit. Untereinander. Und zur Schernau.   Kein Wunder, dass einige Mitarbeiter sagen: „Hier möchte ich hin!“ Sie suchen sich die Schernau bewusst aus. Und sagen: „Hier möchte ich leben.“ Und genau das spürt man. In der Schernau geht es zu, wie in einem Dorf. Man kennt sich mit all seinen Eigenarten. Mal geht man sich aus dem Weg. Mal hockt man zusammen auf der Bank in der Sonne. Man geht ein Stück Weg gemeinsam. Und dann schließt man die Tür hinter sich zu. Man streitet sich und man versöhnt sich wieder. Man hilft sich gegenseitig aus und unterstützt sich. Dorfleben. Die Schernau. Ach ja. Es werden übrigens noch Mitarbeiter gesucht… Alle Fotos © WaltzingMeurers

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